Schulgründung – Keine Angst vor Kafka

Montag, acht Uhr, der Wecker im Kinderzimmer läutet. Ausgeruht klettert das neunjährige Mädchen aus seinem Bett. Nach dem Frühstück verlässt es ohne Hektik das Haus, mit dem Fahrrad braucht es zehn Minuten zur Schule. Es ist eine kleine Schule, nur 30 Kinder, zwei Klassen. Um halb zehn beginnt der Unterricht in hellen Räumen.

In altersgemischten Kleingruppen erarbeiten Kinder zwischen neun und 15 Jahren mit zwei Begleitern die Lerninhalte des heutigen Vormittags. Einige präsentieren den erlernten Unterrichtsstoff in Form eines kleinen improvisierten Theaterstücks, andere haben einen Kurzfilm gedreht.

Ab 13 Uhr gibt es den Mittagstisch, es wird gegessen, gelacht, geplaudert. Danach geht es in den Garten. Die Nachmittagseinheit dauert bis 17 Uhr, inklusive Hausübung. Ziffernnoten gibt es in dieser Schule nicht.

So oder so ähnlich stellen sich viele Kinder, Eltern und Lehrer die ideale Schule vor: mit individueller Förderung, auf Interessen und Begabungen der Kinder abgestimmt, in wertschätzender Umgebung. Doch so gestaltet sich die Realität in nur wenigen Schulen. Viele verbinden mit Schule eher Stress in der Früh, Notendruck, starre Lehrpläne und Leistungsbeurteilung, kaum Wertschätzung und wenig Individualisierung.

Starres System

Nicht alle wollen sich damit abfinden. Der Pädagoge, sechsfache (Patchwork-)Vater und Lehrer Michael Karjalainen-Dräger zum Beispiel. Er hat lange als Freizeitpädagoge gearbeitet und wechselte als 30-Jähriger an öffentliche Volks- und Hauptschulen in Wien, um dort Lehrer zu sein. Er blieb zehn Jahre. Oder, wie er es formuliert: „Ich habe es zehn Jahre ausgehalten.“

Dann war die Ernüchterung über enge Spielräume und begrenzte Möglichkeiten zu groß. „Es ist nicht lustig, in so einem starren System Lehrer zu sein.“ Also tat er, was sich wenige trauen: Er gründete eine eigene Schule. Eine, die all die Ansprüche erfüllte, die er an kindzentrierte Bildung stellte: kleine, altersgemischte Gruppen, individuelle Förderung, kreativer Unterricht und Beginnzeiten, die die Kinder nicht im Wachkoma mit leerem Magen ins Klassenzimmer wanken lassen.

Einfach war es nicht. Aber Karjalainen war von seiner Idee überzeugt – und konnte andere überzeugen. „Ich habe mich erkundigt, was es braucht, um als Privater eine Schule zu gründen, und wurde bald kafkaesk im Kreis geschickt.“ Nicht nur einmal stand das Projekt auf der Kippe, weil plötzlich neue Auflagen dazukamen. Die Amtswege hat er irgendwann nicht mehr gezählt. „Schnell war das Gefühl da: Gerne sehen es Behörden nicht, wenn Privatpersonen Schulen gründen. Die öffentliche Schule hat Angst, dass ihr die Kinder davonlaufen, und das Imperium schlägt zurück.“

Das sieht man im Bildungsministerium anders: „Wir sehen Privatschulen als positive Ergänzung des österreichischen Schulsystems, nicht zuletzt erhalten sie deshalb auch eine Fördersumme von 4,5 Millionen Euro pro Jahr.“ Allerdings geht dieses Geld vor allem an konfessionelle Privatschulen. Für Schulen ohne Religionsgemeinschaft im Rücken gibt es wenig Unterstützung, sagt Karjalainen. Es gebe nur eine Umwegfinanzierung von 700 Euro pro Schüler und Schuljahr, wenn sich die Privatschule einem Dachverband Freier Schulen anschließt.

Zwei Jahre bis zur Eröffnung

Laut OECD kostet ein Schuljahr pro Kind aber zwischen 8000 und 12.000 Euro. Konfessionelle Privatschulen, die die deutliche Mehrheit der 721 Privatschulen in Österreich stellen, sind im Vorteil: Ihr Lehrpersonal bezahlt zur Gänze der Steuerzahler. „Die Lehrergehälter machen 75 bis 80 Prozent der Kosten aus“, sagt Karjalainen. Nichtkonfessionelle Schulen müssen das selbst berappen.

In seinem Fall hat es ein Jahr gedauert, bis er alle Informationen zur Schulgründung beisammenhatte und wusste, wer auf Behördenseite wofür zuständig ist. Man sollte von der Idee bis zur Eröffnung der Schule zwei Jahre einplanen, sagt er. Bei ihm war es im Herbst 2009 so weit: die „Lernwerkstatt Baden“ für 20 Kinder öffnete ihre Pforten. Die Kinder konnten die gesamte Pflichtschulzeit dort absolvieren, unterrichtet wurde in altersgemischten Klassen mit maximal fünf Kindern pro Gruppe.

Den Vorwurf gegen „elitäre Privatschulen“, in denen Kinder aus „besseren Kreisen“ unter sich blieben, kennt auch er. Und lässt ihn nicht gelten: „Durch eine Schulgründung spart die öffentliche Hand Kosten, die sie nicht weitergibt. Gleichzeitig bekommt man als Gründer den Vorwurf, elitär zu sein.“ Um Kinder aus allen sozialen Schichten in die Privatschule zu bekommen, tritt er für einkommensabhängiges Schulgeld und Patenschaften ein.

Stolpersteine

Apropos Schulgeld: Ohne das lässt sich der laufende Betrieb kaum finanzieren. Sponsoring sei in der nötigen Größenordnung schwierig, Crowdfunding wenig aussichtsreich. „Meiner Erfahrung nach liegt die Schmerzgrenze bei 300 Euro Schulgeld im Monat für ein Halbtagsangebot“, sagt Karjalainen. Ist die Finanzierung geklärt, muss der richtige Raum her: Da hat jedes Bundesland andere Vorgaben – und derer gibt es viele, von der Gangbreite bis zum Fensterglas. Karjalainen rät, die Schulräume vorab behördlich prüfen zu lassen. Sie werden sonst leicht zum Stolperstein.

Gründer müssen sich entscheiden, ob ihre Schule über Öffentlichkeitsrecht verfügen soll oder nicht. Tut sie es, darf sie die Leistungen der Kinder beurteilen und Zeugnisse ausstellen. Die Schüler können dann relativ leicht ins Regelschulsystem wechseln.

Das ist bei Schulen ohne Öffentlichkeitsrecht schwieriger: Deren Schüler sind zum häuslichen Unterricht abgemeldet und müssen am Ende jedes Schuljahres eine Externistenprüfung an einer Regelschule bestehen. Andernfalls dürfen sie nicht länger die Privatschule ohne Öffentlichkeitsrecht besuchen.

Flexible Ferienzeiten

Alle Privatschulen brauchen ein behördlich genehmigtes Statut und einen vom Ministerium abgesegneten Lehrplan. Zeitlich lässt sich in der eigenen Schule vieles flexibel gestalten. So ist etwa nicht vorgegeben, wie lange die Einheiten dauern oder wann Ferien sind. Das Lehrpersonal an Schulen mit Öffentlichkeitsrecht muss mit den Behörden abgestimmt werden: Ihnen ist wichtig, dass es geprüfte Lehrer sind. „Die Gründung einer Privatschule muss natürlich nach einem bestimmten Muster ablaufen“, heißt es aus dem Bildungsministerium. „Um garantieren zu können, dass alle notwendigen Regelungen, die im Privatschulgesetz verankert sind, getroffen wurden.“

Karjalainen ortet bei den Lehrern aber einen Graubereich: Schulleiter müssen zwar immer geprüfte Lehrerinnen oder Lehrer sein, in Schulen ohne Öffentlichkeitsrecht kann aber im Prinzip jeder unterrichten. „Als Schulerhalter könnte ich im Statut etwa festlegen, dass bei mir nur Psychotherapeuten unterrichten sollen.“

Natürlich sei es eine Kränkung fürs Regelschulsystem, wenn Privatschulen wie Pilze aus dem Boden schießen, sagt er. Dabei könne es viel lernen von Schulen, hinter denen engagierte Menschen mit pädagogischen Visionen stehen. Von staatlichem Interesse habe er bisher aber nicht viel bemerkt: „Ich kenne keinen Fall, wo jemand von den Behörden auf uns zugekommen wäre und nachgeschaut hätte, was gut funktioniert.“ 

Gelesen auf:

derstandard.at

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Allein auf Städtereise – so wird’s ein Spaß!

Städte sind das ideale Ziel für Alleinreisende

Egal, ob in Rom, Paris, Dubai, Florenz, New York oder Barcelona … bei einer Städtereise wird es auch allein nie langweilig – es gibt so unglaublich viel zu gucken und zu unternehmen! Weiterer Pluspunkt: Anders als beim Strandurlaub ist man in der Stadt nicht nur mit Familien und Paaren konfrontiert, die tendenziell unter sich bleiben wollen, sondern mit den unterschiedlichsten Menschen. Und das sollten wir für uns nutzen: Wer Kontakt zu Einheimischen bekommt, erlebt eine Stadt viel intensiver und schließt vielleicht sogar Freundschaften. Viele Apps und Websites machen es uns leicht, Locals kennenzulernen. Wir stellen die besten vor.

Mit Einheimischen essen

Die Angst davor, allein im Restaurant sitzen zu müssen – womöglich noch am Katzentisch – hält nicht wenige Frauen davon ab, solo zu verreisen. Dabei gibt es viele Möglichkeiten, gemeinsam mit Einheimischen zu essen und dabei nicht nur Leute, sondern auch die lokale Küche kennenzulernen.

Die Website www.eatwith.com bringt in rund 200 Städten Menschen zusammen, die gern und gut kochen und solche, die kulinarisch interessiert sind und auch das Leben der Einheimischen kennenlernen möchten. Für rund 30 bis 80 Euro pro Menü und Abend sitzt man dann zum Beispiel mitten in Florenz bei Patrizia am Esstisch, genießt ein florentinisches Menü und ist sofort mittendrin im Geschehen der Stadt. Oder man genießt bei Maria in der Nähe des Pariser Rodin Museums besten französischen Käse und Wein.  
Weitere gute Apps und Websites sind www.vizeat.com und www.travelingspoon.com (vor allem in Asien).

Sich von Einheimischen die Stadt zeigen lassen

Bei globalgreeternetwork.info kannst du in mehr als 100 Städten Einheimische treffen, die dir ihre Lieblingsorte und Geheimtipps zeigen. Oder genau das, was du suchst: Shops, Parks, Kirchen, Museen. Das tun sie nicht für Geld, sondern einfach, weil sie Lust dazu haben. Wunderbar!

Bei www.trip4real.com kosten die Sightseeing-Touren mit Einheimischen etwas, aber nicht viel. So kann man Amsterdam mit dem Fotografen Mathieu entdecken und dabei fotografieren lernen und tolle Fotos mit nach Hause nehmen (55 Euro) oder nachts mit Maria in Barcelona durch die Clubs ziehen (40 Euro). Bei einer Yoga-Schnupperstunde in Hamburg mitmachen oder mit Einheimischen in Madrid ins Kino oder ins Museum gehen? Bei www.meetup.com findet ihr Leute mit gleichen Interessen für gemeinsame Unternehmungen.

Tipps von Einheimischen (ohne sie zu treffen)

Du liebst es, ganz allein um die Häuser zu ziehen und endlich mal mit niemandem reden zu müssen, ein Eis zu essen, wo du gerade Lust hast, und dich auf die Wiese im Park zu lümmeln, wenn dir die Füße wehtun? Bei www.likealocalguide.com verraten Bewohner von fast 400 Städten ihre Geheimtipps und die Orte in ihrer Heimatstadt, die sie am schönsten und inspirierendsten finden. www.spottedbylocals.com funktioniert ähnlich – in 67 Städten rund um den Globus. Und wer nicht so aufs Geld schauen muss, kann sich bei www.insiderei.com von den (oft tollen, aber recht kostspieligen) Tipps einheimischer Kreativer und Kulturschaffender inspirieren lassen.

Bei Einheimischen übernachten

Bei Airbnb könnt ihr ein Zimmer bei Einheimischen buchen, beim Gastgebernetzwerk Couchsurfing geht das sogar kostenlos. Eine gute Alternative zum anonymen Hotel sind auch Hostels, die mittlerweile viel mehr sind als laut und miefig, und die sich wunderbar eignen, um andere Reisende kennenzulernen. 

Wir wünschen euch tolle Erlebnisse bei eurem nächsten Städtetrip!

Hier der Link dazu:

www.brigitte.de/

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Das berühmte „Watergate Hotel“ ist wieder geöffnet

Man sitzt auf der Dachterrasse, dem „Top of the Gate“, vor sich einen Prosecco (10 Dollar) oder einen Chardonnay (16 Dollar) oder ein Fat-Tire-Bier (9 Dollar), und schaut herum. Auf den hier träge fließenden, aber mächtigen Potomac, auf Key Bridge und Theodore Roosevelt Bridge, auf den alles überragenden Obelisken zum Gedenken an George Washington, den ersten Präsidenten und den Namensgeber dieser Stadt.
Aber es ist ja nicht nur der Blick. Es ist auch die Geschichte einer Staatsaffäre, die dieses Hotel so besonders macht. Denn das „Top of the Gate“ befindet sich auf dem „Watergate Hotel“ im gleichnamigen und legendären Komplex nahe der Waterfront von Washington D.C., gelegen zwischen den Bühnen des Kennedy Center und der Ausgehmeile von Georgetown.
Das mächtige Gebäude aus den frühen 60er-Jahren, mit kühnen Bögen und im halbkreisigen Rund entworfen vom Italiener Luigi Moretti, ist bis heute eine Augenweide. Und das Hotel mit dem bekanntesten Namen in der Hauptstadt des USA.

„Watergate Hotel“ nach Jahren wieder geöffnet

Eine ausgesprochen feine Adresse war das Haus bereits nach seiner Eröffnung 1967. Natürlich stiegen dort Washingtons Mächtige und ihre Gäste ab. Aber auch Stars wie Plácido Domingo oder Liz Taylor. „The Watergate“ war ein Begriff weit über die Stadtgrenzen hinaus, als es 1972 zu dem seither mit dem Namen verbundenen Skandal kam.
In dem auf der Rückseite des Hotels (damals wie heute) angesiedelten Bürokomplex hatten die Demokraten (nur damals) ihre Parteizentrale. Und als dort eines Nachts fünf Männer einbrachen und Telefone verwanzten, führte die von den „Washington Post“-Reportern Bob Woodward und Carl Bernstein aufgenommene Spur letztlich in die direkte Umgebung von Präsident Richard Nixon. Der Republikaner musste im August 1974 zurücktreten.

Das Hotel erlebte danach etliche Krisen, Pleiten und Besitzerwechsel. 2007 wurde es geschlossen. Vorübergehend war die Deutsche Postbank als Hypotheken-Geber der Eigentümer, weil sich bei einer Auktion 2009 trotz eines niedrig angesetzten Mindestgebots kein Käufer fand.

Kurz darauf wurde es vom Hotel-Entwickler Euro Capital Properties für 45 Millionen Dollar gekauft, mit weiteren 150 Millionen Dollar renoviert und in diesem Juni pompös wiedereröffnet. Der Israeli Ron Arad, Schüler des einstigen Chef-Architekten Luigi Moretti, hat Foyer und Inneneinrichtung im 60er-Jahre-Stil überarbeitet und dabei den historischen Odem konserviert.

Wählen Sie das Datum des legendären Einbruchs

Mit seinem Restaurant, einer Whiskey-Bar (75 Sorten zur Auswahl), der erwähnten Dachterrasse und 365 Zimmern (ab 300 Dollar) will „The Watergate Hotel“ wieder in die Spitzenklasse der Hauptstadt aufsteigen. Eigentlich war das lediglich an den Bürokomplex angrenzende „Watergate Hotel“ von der Affäre nicht direkt betroffen.

Aber wann gibt es schon mal einen Skandal, der zu ganz neuen Namenskreationen führt? WikiLeaks produzierte später „Cablegate“, das Büro des Gouverneurs von New Jersey einen „Bridge-Gate“ und es gab während eines Super Bowls ein „Nipple-Gate“, mit Janet Jackson und Justin Timberlake als Hauptdarstellern.

Diese popkulturelle Verewigung eines Einbruchs nutzt die PR-Abteilung des Hotels natürlich fröhlich aus. Da bekommt man eine Schlüsselkarte mit der Aufschrift „No need to break in“ (Sie müssen die Tür nicht aufbrechen). Und auf den Bleistiften, die im Zimmer auf dem Notizblöckchen zur Selbstbedienung liegen, heißt es mit dem Mut zur Dramatisierung: „I stole this from the Watergate Hotel.“

Ach ja, und wer die Telefonnummer der Prachtabsteige vergessen haben sollte, muss nach der gebührenfreien 844-Vorwahl nur das Datum des wichtigsten Einbruchs in der amerikanischen Geschichte wählen: 6-17-1972.

Ursprünglich veröffentlicht:

www.welt.de

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Niedersachsen: Kopftuchurteil – Lehrerin erhält keinen Schadensersatz

Das Verwaltungsgericht Osnabrück hat die Klage einer Lehrerin, die mit Kopftuch unterrichten wollte, auf Entschädigung wegen religiöser Diskriminierung gegen die Niedersächsische Landesschulbehörde abgewiesen. (Aktenzeichen beim VG Osnabrück: 3 A 24/16)

Bei der Klage ging es um einen Fall von 2013: Die Lehrerin hatte zunächst von der Landesschulbehörde eine Einstellungszusage für eine Schule im Raum Osnabrück bekommen. Als bekannt wurde, dass sie in der Schule ein Kopftuch tragen wollte, zog die Behörde ihre Zusage zurück.

Das Gericht erklärte nun, der Anspruch auf Entschädigung sei schon deshalb zu verneinen, weil die Schulbehörde die Frau nicht „wegen ihrer Religion“ benachteiligt habe. Die Behörde habe sich auf eine gesetzliche Grundlage im Landesschulgesetz gestützt, die alle Bewerber gleich behandle und sämtliche religiösen und weltanschaulichen Symbole verbiete. Damit habe die Behörde in Hinblick auf die staatliche Neutralitätspflicht richtig gehandelt.

Die Behörde hatte sich damals auf Paragraf 51 des niedersächsischen Schulgesetzes bezogen. Darin steht, das „äußere Erscheinungsbild“ von Lehrern dürfe, „auch wenn es aus religiösen oder weltanschaulichen Gründen gewählt wird“, keinen Zweifel daran lassen, dass der Lehrer „den Bildungsauftrag der Schule überzeugend erfüllen kann“. Das interpretierte die Behörde so, dass es eine Anstellung der bekennenden Muslimin ausschloss.

VG Osnabrück: Für das Urteil war auch Rechtslage von 2013 entscheidend

Die klagende Lehrerin, die heute in Nordrhein-Westfalen lebt, hatte Schmerzensgeld nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz gefordert. Sie sah sich von der Schulbehörde durch die Entziehung der bereits zugesagten Stelle diskriminiert.

Dass die Frau erst zwei Jahre später gegen die Entscheidung klagte, liegt an einem richtungsweisenden Kopftuchurteil des Bundesverfassungsgerichts von 2015: Damals hatten die Richter ein rigides Kopftuchverbot in Nordrhein-Westfalen kritisiert und das Land aufgefordert, es „verfassungskonform einzuschränken“.

Bis zu der Gesetzesänderung 2015 hatte in NRW eine Regelung gegolten, nach der bereits eine „abstrakte Gefahr für Neutralität und Schulfrieden“ für ein Verbot genügte. Die Verfassungsrichter urteilten aber, es sei eine „hinreichend konkrete Gefahr“ erforderlich, die von einem Kopftuch in der Schule ausgehen müsse. Eine Kopftucherlaubnis war die Korrektur nicht. Mehrere Länder mussten daraufhin allerdings ihre Schulgesetze überarbeiten, auch weil sie das Christentum explizit gegenüber anderen Religionen bevorzugt hatten.

Die Verwaltungsrichter in Osnabrück urteilten nun: Selbst wenn die Lehrerin im Osnabrücker Fall von der Schulbehörde wegen ihrer Religion benachteiligt worden wäre, sei in dem Fall die Entscheidung der Schulbehörde gerechtfertigt gewesen. Für die Beurteilung sei retrospektiv die Sach- und Rechtslage von 2013 entscheidend. Zu jenem Zeitpunkt habe sich die Schulbehörde auf die gesetzliche Grundlage des Schulgesetz berufen dürfen, weil damals die ältere Rechtsprechung des Verfassungsgerichts von 2003 maßgeblich war.

Danach sei für ein Kopftuchverbot nur ein hinreichend bestimmtes Gesetz gefordert worden. Die neuere Entscheidung des Verfassungsgerichts von 2015, die für ein Kopftuchverbot zusätzlich eine konkrete Gefahr für die Schutzgüter Schulfrieden und Neutralität verlange, habe es im Jahr 2013 noch nicht gegeben.

Das Urteil aus Osnabrück ist noch nicht rechtskräftig und kann binnen eines Monats nach Zugang der schriftlichen Entscheidungsgründe angefochten werden.

Link zur Homepage:

http://www.spiegel.de/lebenundlernen/

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Urlaub trotz Trump

Der nächste Präsident schreckt deutsche Touristen nicht ab, im Gegenteil: Die Nachfrage ist ungebrochen hoch. Ohnehin ist Experten zufolge der Dollarkurs meist wichtiger für das Buchungsverhalten als der Ausgang von Wahlen. Und momentan ist der Kurs günstig.

 

Bei der Frage, wohin man noch reisen mag, geht es um Ängste und Sicherheit, aber auch um Sympathie und Abneigung. Will man hin oder nerven einen die Nachrichten aus einem Land dermaßen, dass kein Wolkenkratzer hoch, kein Strand romantisch, kein Canyon faszinierend genug sein kann, um sich mit all dem auch noch im Urlaub auseinanderzusetzen? Im Fall der Vereinigten Staaten war diese Frage vor zwei Monaten plötzlich allgegenwärtig. Trump! Präsident! Wahnsinn! Schnell wurde spekuliert, viele Deutsche könnten nun die Lust auf das Land verlieren, ähnlich wie zu Zeiten von George W. Bush.

Kurioserweise kam eine repräsentative Umfrage für das Buchungsportal Holidaycheck im November vergangenen Jahres zum Ergebnis, dass deutlich mehr Befragte (49 Prozent) im Juni angaben, die USA unter einem Präsidenten Trump meiden zu wollen, als nach seinem Sieg – da waren es nur noch 39 Prozent. Doch wie buchen die Deutschen tatsächlich, seit der große Knall vom 8. November etwas verhallt ist?

Veranstalter zeigen sich auf Nachfrage Anfang Januar gelassen: Der Anbieter America Unlimited meldet nach „spürbarer Zurückhaltung“ in der Woche nach der Wahl zurzeit eine Verdopplung der Nachfrage im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Bei Canusa liegen die Buchungen im „einstelligen Plus“. Thomas Cook hat „keine Buchungsrückgänge“, man sei zufrieden und habe besonders für den Westen der USA das Angebot ausgebaut. Tui sieht die Nachfrage „ungebrochen hoch“, auch hier wurde der Katalog für 2017 erweitert. FTI beobachtet den Dollarkurs und die Einreisebestimmungen, kann aber im Moment keine Rückgänge feststellen. Der Dollarkurs ist ohnehin meist entscheidender für die Buchung als der Ausgang von Wahlen, zurzeit gibt es für 95 Eurocent einen Dollar. Visit USA, offizieller Tourismus-Vermarkter des Landes, sieht bisher keinen Grund zur Sorge, es sei aber noch zu früh für ein Fazit zu einem Trump-Effekt.

Aus Slowenien übrigens, der Heimat der künftigen First Lady, wird ein „Melania-Rausch“ im Tourismus gemeldet. Das Fremdenverkehrsamt in Ljubljana verkündet deutlich gestiegenes Interesse, besonders bei Besuchern aus den USA.

Übernommen aus:

www.sueddeutsche.de/reise/usa-urlaub-trotz-trump-1.3327580

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Social Networks – Angst vor Shitstorms führt zu leichteren Prüfungen

Britischer Experte beklagt „Verzerrung“ des Systems durch Beschwerden auf Facebook und Co. – 1 Foto

Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter sind im digitalen Zeitalter ein wichtiges Werkzeug der Meinungsbildung geworden. Gerade die Debatte um Hasspostings und das politische Klima hat die Rolle der Plattformen in den vergangenen Jahren zu einem Diskussionsthema gemacht.

Ihr Einfluss ist auch im Bildungsalltag spürbar. Robert Coe, ein Forscher der britischen Durham University beklagt nun, dass Lehrer aus Angst vor einem Beschwerdehagel in sozialen Medien mittlerweile Prüfungen immer leichter gestalten würden. Coe leitet Zentrum für Evaluation und Beobachtung an der Durham University und berät das Office of Qualifications and Examinations Regulations (Ofqual) der britischen Regierung.

Schnell Beschwerden bei „innovativen“ Fragen

Es gäbe zu viel Fokus auf „Zugänglichkeit“ und zu wenig auf „hohe Erwartungen“ und „Herausforderungen“, wird er auf TES zitiert. Das „voraussagbare Wiederkäuen“ werde in Prüfungen belohnt, was zu einer Verzerrung der Leistungsbewertung führe. Fordernde Prüfungsbögen mit „innovativen“ oder „unerwarteten“ Fragen, könne man sich darauf einstellen, dass die ersten Schüler schon wenige Minuten nach dem Test auf Facebook oder Twitter ihrem Ärger Luft machen.

Als Folge würden viele Aufgaben nur noch das Erkennen bereits bekannter Fragemuster verlangen. Erschwerend komme hinzu, dass die Erstellung vorhersagbarer Aufgaben den verantwortlichen Prüfungskommissionen die Arbeit leichter machen würde. Man müsse die Zugänglichkeit wahren, dürfe aber nicht davon abgehen, „hohe Erwartungen“ an die Schüler zu stellen und ihnen Herausforderungen zu liefern, fordert Coe.

Seitens des Joint Council for Qualifications, das die sieben größten Prüfungskommissionen Großbritanniens repräsentiert, sieht man die Situation anders. Es gäbe keine Angst davor, innovative Fragen zu entwickeln, heißt es dort. 

Zuerst erschienen auf: 

text.derstandard.at/2000046547346-3297/Angst-vor-Shitstorms-fuehrt-zu-leichteren-Pruefungen

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1,5 Millionen mehr Flugpassagiere im 1. Halbjahr 2016

Wiesbaden (ots) – Im ersten Halbjahr 2016 stieg die Zahl der von deutschen Flughäfen abreisenden Passagiere um 1,5 Millionen oder 3,0 % auf 51,8 Millionen. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, nahm das Passagieraufkommen ins Ausland von Januar bis Juni 2016 um 2,9 % auf 40,2 Millionen zu. Die Zahl der Inlandspassagiere erhöhte sich um 3,4 % auf 11,6 Millionen.

Die Zahl der Fluggäste mit europäischen Zielen nahm um insgesamt 3,9 % zu. Die Zielländer der Europäischen Union kamen dabei auf ein Plus von 6,4 %. Dieser im Vergleich zum gesamten Auslandsluftverkehr mehr als doppelt so hohe Zuwachs ist vor allem auf das aufkommensstärkste Zielland Spanien zurückzuführen: Die Zahl der Passagiere mit diesem Ziel stieg um 10,9 %. Für die bei der Passagierzahl an zweiter Stelle rangierende Türkei war dagegen ein Minus von 13,4 % zu verzeichnen. Der primär für den Ferienflugverkehr bedeutende Flughafen Antalya, auf den circa ein Drittel des Passagieraufkommens mit der Türkei entfällt, kam auf ein Minus von 29,1 %.

Der Wert für den Interkontinentalverkehr lag um 0,5 % unter dem Ergebnis des entsprechenden Vorjahreszeitraums. Dies wurde durch die starken Rückgänge beim Flugverkehr mit Afrika verursacht: Die Zahl der Flugpassagiere mit diesem Ziel nahm um mehr als ein Fünftel (- 21,5 %) ab. Besonders ausgeprägte Einbrüche gab es dabei für Ägypten (- 35,8 %) und Tunesien (- 46,6 %).

Die vollständige Pressemitteilung (inklusive PDF-Version) mit Tabelle sowie weitere Informationen und Funktionen sind im Internet-Angebot des Statistischen Bundesamtes unter http://www.destatis.de/presseaktuell zu finden.

 

Artikel-Quelle:

http://www.presseportal.de/pm/

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Start des Lehrjahrs: 14.000 Ausbildungsbetriebe haben überhaupt keine Bewerber mehr

Azubi im Einzelhandel: Wer diesen Berufswunsch hat, hat allerbeste Chancen.

Die Lage ist dieses Jahr besonders schlimm: Immer weniger junge Menschen verlassen aufgrund des demographischen Wandels die Schulen. Und immer mehr junge Menschen wollen studieren. Es leiden die Ausbildungsbetriebe für deren Lehrstellenangebote sich immer weniger Schulabgänger interessieren.

Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Jochen Schweitzer, hat dafür deutliche Worte gefunden. Den Unternehmen „gehen die Bewerber aus“, sagte er: „Rund 14.000 haben überhaupt keine Bewerber mehr.“

Immer mehr Alarmstimmung wegen des Azubi-Mangels: Mancherorts gibt es gar keine Bewerber mehr.

172.224 offene Ausbildungsstellen gab es laut DIHK Ende Juli. Ende Juli letzten Jahres waren es 168.900, also 3300 weniger. Richtig frappierend ist der Unterschied zum Vorjahr jedoch, wenn man sich ansieht, wie groß die Lücke zwischen  Ausbildungsangeboten und suchenden Jugendlichen ist: Die Arbeitsagenturen hatten diesmal Ende Juli noch 24.000 Ausbildungsangebote mehr als suchende Jugendliche zu vermelden; im Vorjahr waren es nur 13.000.

Es gibt auch in diesem Jahr wieder Berufe, in denen die Arbeitgeber besonders dringlich auf der Suche sind. Rund 6200 Plätze für Köche waren dort etwa gemeldet, 4400 Lehrstellen für Hotelfachleute und 5300 Plätze für Kaufleute im Büromanagement. Auch als Friseur, Lagerlogistiker, KFZ-Mechatroniker oder medizinischer Fachangestellter haben suchende Jugendlich noch richtig gute Chancen: In all diesen Berufen gibt es Tausende offene Plätze.

Den Handel trifft es am härtesten

Am härtesten trifft der Bewerbermangel allerdings den Handel. Nach DIHK-Angaben waren Ende Juli noch 12.300 Lehrstellen für Einzelhandelskaufleute offen und 11.400 als Verkäufer. „Für die Unternehmen wird es immer schwieriger, geeignetes Personal für ihre Ausbildungsstellen zu finden“, sagte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. „Die Ursachen liegen im demographischen Wandel und in der zu geringen gesellschaftlichen Wertschätzung für die duale Ausbildung.“

Es müsse in den Schulen und insbesondere den Gymnasien noch deutlicher gemacht werden, dass nicht nur die akademische Bildung zu guten Karrierechancen führe. Im Handel beispielsweise kommen mehr als 80 Prozent der Führungskräfte aus den eigenen Reihen, viele davon haben ihre Laufbahn mit einer Ausbildung in der Branche begonnen, sagte der Verbandschef.

Ähnlich argumentiert auch der DIHK: „Viele junge Leute sind sich nicht im Klaren darüber, dass die Gefahr von Arbeitslosigkeit bei einer Kombination von betrieblicher Aus- und Weiterbildung geringer ist als bei Akademikern“, sagte Schweitzer. „Und häufig verdient eine Fachkraft keineswegs schlechter als jemand, der eine Hochschule besucht hat.“

Wer nicht „ausbildungsreif“ ist kann Unterstützung bekommen

Dass die Zahl der offenen Lehrstellen so hoch ist, hat aber noch einen weiteren, durchaus verblüffenden Grund: Obwohl der Anteil der Betriebe, die überhaupt junge Menschen ausbilden, laufend zurückgeht, steigt die Zahl der Ausbildungsplätze, die von den verbliebenen Lehrbetrieben angeboten werden, wie die F.A.Z. schon Mitte Juli berichtete. Weil die Nachwuchsjahrgänge und Bewerberzahlen schrumpfen, treffen angehende Azubis also auf mehr Stellen. Kein Wunder, dass Schweitzer wirbt: „Jugendliche Lehrstellenbewerber haben in diesem Jahr allerbeste Chancen.“

 

Der DIHK bemängelt allerdings auch, dass mancher Schulabgänger gar nicht die nötige Qualifikation für eine Berufsausbildung mitbringe. „Die Unternehmen tun schon eine ganze Menge, geben zum Teil sogar Nachhilfe, um auch leistungsschwächeren Ausbildungschancen zu geben“, sagte der Ausbildungsfachmann des DIHK, Markus Kiss. „Gleichwohl braucht es ein Mindestmaß an schulischer Vorbildung, damit eine Ausbildung erfolgreich geschafft werden kann.“

Ein von der Bundesagentur für Arbeit (BA) im Vorjahr gestartetes Modell soll gegensteuern. Die so genannte „assistierte Lehrlings-Ausbildung“, die extra für schwächere Azubis gedacht ist. Dabei steht dem Lehrling und dem Betrieb meist ein Berufsbildungswerk zur Seite. Es gibt Nachhilfe für die jungen Menschen, aber auch so etwas wie „Lebenshilfe“ etwa bei Prüfungsstress oder Problemen mit dem pünktlichen Erscheinen bei der Arbeit. „Die Assistierte Ausbildung ist ein gutes Instrument, das beiden hilft – leistungsschwächeren Azubis und Ausbildungsbetrieben“, sagt Kiss.

Das Programm stößt auf wachsendes Interesse: Schon im ersten Jahr haben Angaben der BA zufolge 4800 Jugendliche von dem Projekt profitiert. Im neuen Lehrjahr sollen bis zu 7350 Auszubildende im Rahmen des Projekts betreut werden können; wie viele das Unternehmen und Azubis das Angebot tatsächlich nutzen werden ist bis dato noch unklar.

Gesehen:

http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/arbeitswelt/

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Mythos Monaco: Als Zaungast im Reservat der Reichen

Vor der neobarocken Türmchenfassade der Spielbank in Monte Carlo plätschert der Springbrunnen, doch man hört ihn kaum. Ein tiefes Dröhnen liegt in der Luft, ein kontinuierliches Rattern, Wummern und Hämmern. Der Boden bebt. Gleich drei Kräne ragen hinter dem „Hôtel de Paris“ empor, dessen cremeweiße Belle-Époque-Fassade vornehm wie eh und je auf den Platz herabblickt.

Doch viel mehr als die Frontmauer steht nicht mehr vom Original, fast der gesamte rückwärtige Teil wurde abgerissen. Durch den gewaltigen neuen Betonrohbau klettern Männer mit blauen Helmen, die damit beschäftigt sind, eines der ersten Luxushotels der Côte d’Azur nach über 150 Jahren in völlig neuer Form wiederauferstehen zu lassen – etwas Zukunftsweisendes soll es werden, mit Innengarten, Dachvillen, Spa und noch viel mehr Suiten als bisher.

Das einstige Nachbargebäude, ein Art-déco-Bau namens „Sporting d’Hiver“, ist gänzlich vom Erdboden verschwunden. Hier werden gerade die Fundamente für einen neuen Kongress- und Wohnkomplex in den Grund getrieben. Die alten Mieter – Luxusboutiquen von Chanel, Balenciaga, Miu-Miu – wurden übergangsweise in die nahen Grünanlagen umgesiedelt, in futuristische Aluminium-Pavillons, die sich wie plattgedrückte Golfbälle unter Palmen und Schirmpinien ducken.

Den Reichen bei ihrer Nabelschau zusehen

Monaco, dieser gut zwei Quadratkilometer messende Fleck an der französischen Riviera, erlebt gerade einen Totalumbau. Altes wird aufgehübscht, auf neu getrimmt oder gleich ersetzt. Mit solcherlei Frischzellenkuren versucht das Fürstentum, seinen Ruf als Nobelort zu halten, auch wenn es durch immer dichtere, immer engere Bebauung an Noblesse verliert und längst nicht mehr nur ein nobles Publikum anlockt.

Dabei ist der Blick aufs Noble einer der wichtigsten Gründe, nach Monaco zu fahren. Niemand fährt hierher, um einfach Urlaub am Meer zu machen. Es ist eng, voll und teuer. Seine knapp 38.000 Einwohner drängen sich auf einer Fläche, die so groß ist wie der Botanische Garten von Dresden. Wohntürme – der höchste hat 49 Etagen – klettern unterhalb der Autobahn dicht an dicht den steilen Hang zum Meer hinunter, in schmalen Straßenschluchten staut sich der Verkehr.

Statt langer öffentlicher Strände gibt es Kreuzfahrtkais, statt Mittelklassepensionen Fünfsternehotels wie das prächtige „Métropole“. Hier hat Karl Lagerfeld den Pool entworfen, und in der Lobby, einer creme- und terrakottafarbenen Hommage an die italienische Renaissance, sitzt eine Dame beim Tee, die ihren Schoßhund in einer Hermès-Handtasche aufbewahrt.

Hundert Meter weiter, auf der Terrasse des „Café de Paris“, steht ein gewöhnlicher Apérol Spritz für 18 Euro auf der Karte. Da kann man natürlich empört aufstehen und gehen, wie es soeben ein zweckmäßig gekleidetes Paar aus dem Bayerischen vormacht.

Oder man liest weiter, bis man auf dieses Glas Côtes-de-Provence-Rosé stößt, für acht Euro, dazu Oliven, Cracker und Prachtblick auf vorbeistakende Osteuropäerinnen im Hermelinjäckchen. So viel kostet es gar nicht, ein Stündchen auch dazuzugehören und den Reichen bei ihrer Nabelschau zuzusehen.

Milliardenvermögen in greifbarer Nähe

Ein feiner Ort hierfür ist auch der Platz vor dem Kasino. Hier scheint die noble Welt in bester Ordnung zu sein. Früher Abend ist es, vom Sonnenuntergang gerötete Wölkchen schweben über dem kupfergrünen Kasinodach. Alle Statisten sind auf ihren Plätzen. Neben der Freitreppe parken: ein deutscher Mercedes AMG mit Thüringer Kennzeichen, ein schwarzer Ferrari aus der Schweiz, ein Bentley mit verspiegelten Scheiben und russischem Nummernschild, mehrere Porsches.

Weitere Gefährte gleiten heran, die Wagenmeister der Spielbank, im schwarzen Frack, reißen Türen auf. Paare steigen aus. Lange Kleider werden gerafft, Hemdkragen zurechtgezogen, dann geht es auf roten Louboutin-Sohlen die Stufen zum Eingang hinauf, ein bisschen gelangweilt und absichtsvoll desinteressiert am anderen Teil der Show, der auf der gegenüberliegenden Seite der Fahrbahn vor dem Springbrunnen stattfindet: dem Drängen und Staunen der Schaulustigen.

„Die Reichen und die Neugierigen“ heißt das Stück, das jeden Abend auf der Plâce du Casino gegeben wird, und tagsüber in abgeschwächter Form auch im restlichen Fürstentum. Es gehört zu Monaco wie die Wachablösung vor dem Grimaldi-Schloss, das Formel-1-Rennen, der Yachthafen.

Selfies vor Luxuskarossen, der direkte, unverstellte Blick auf Glanz und Bling-Bling, die greifbare Nähe zu Millionen- und Milliardenvermögen – das kriegt man hier direkt und unkompliziert. Glamour strahlt der winzige Stadtstaat am nördlichen Ende der Côte d’Azur aus, seit hier 1863 das Kasino eröffnete, und noch stärker, nachdem in den 50er-Jahren die Hollywood-Schauspielerin Grace Kelly in die Fürstenfamilie einheiratete und das Glücksspielparadies beim Jetset populär machte.

Monaco verdankt seinen Reichtum dem Glücksspiel

Davon fühlen sich heute nicht nur Klatschblattleserinnen angesprochen. Sieben junge Engländer haben sich am Springbrunnen vor der Spielbank eingefunden. Sie tragen schmale Krawatten zu engen grauen Anzügen, als wollten sie zu einem Soul-Allnighter in Blackpool.

Immer wieder rempeln sie sich aufregt in die Seiten. „Unser Freund feiert 18. Geburtstag“, erzählt einer von ihnen. „Wir sind aus Newcastle hergeflogen. Gleich geht’s ins Kasino!“ Dann kontrolliert er, dem man die Volljährigkeit nicht ansieht, zum ungefähr neunten Mal, ob er auch wirklich seinen Personalausweis dabeihat.

Dem Glücksspiel verdankt Monaco seinen Reichtum – und der Tatsache, dass es von seinen Bewohnern keine Steuern nimmt. Außer rund 8000 echten Monegassen leben hier nur Menschen mit viel Geld, fast jeder Dritte ist Dollar-Millionär. Für sie ist es günstiger, exorbitante Summen für Immobilien auszugeben, als zu Hause ihr Vermögen zu versteuern.

Der Durchschnittspreis für einen Quadratmeter Wohnung liegt bei 60.000 US-Dollar. So etwas leisten sich zum Beispiel Formel-1-Fahrer, Fußballprofis, Magnaten, ordinäre Oligarchen und „ganz normale Deutsche“, die – wie eine Mitarbeiterin im „Métropole“ ausplaudert – das zweistöckige Penthouse gegenüber dem Hotel bewohnen, samt Dachgarten und Majolika-Kuppel. Zu sehen ist ein blasser Jüngling mit rosa Krawatte, der einem Arbeiter im Overall gerade irgendwas zum Thema Gartenschlauch erklärt. Er sieht aus wie Devid Striesow.

Die Kulisse funkelt, weil diese Zugereisten einen bestimmten Lebensstil pflegen. Bugattis und Maseratis, so weit das Auge reicht, man schaut bald gar nicht mehr hin. An der Bar im „Fairmont-Hotel“ muss man sich zwischen mehr als 30 Champagnersorten entscheiden.

In der Einkaufsstraße Rue de Grimaldi findet sich zwischen Bank und Lampenladen ein Geschäft, in dem der Monegasse für ein paar Millionen einen runderneuerten Privatjet erwerben kann. Es gibt Bombardiers, Dassaults und Falcons, alle mit Schlafzimmer, Besprechungsraum und „Vorbesitzer“, wie der Gebrauchtstatus dezent umschrieben wird.

Und vor dem Fußballstadion Louis II, das von außen wie eine Shoppingmall wirkt, sammeln sich wenige Stunden vor Anpfiff des Erstligaspiels keine betrunkenen Hooligans, sondern 50 bildschöne junge Mädchen. Ein Casting? „Mais non!“, ruft die Dame mit dem strengen Dutt und dem Clipboard unter dem Arm. „Heute spielt doch der AS Monaco gegen Lille! Das sind unsere Hostessen für die VIP-Logen.“

Der Yachtclub bleibt eine Bastion der Elite

Millionen schwimmen auch im Wasser. Die größten Yachten im Hafen haben vier Decks, Autoparkplatz, lederne Sitzlandschaften für 20 Personen und sind von eindrucksvoller Scheußlichkeit.

Das schönste Schiff in der Marina dagegen ist gar keins, es sieht nur so aus: der neue Sitz des Yacht Club de Monaco, ein Gebäude in Bootsform mit blitzblanken Glasfronten, „Pooldeck“ und geschwungener Reling. Leider kommt man nicht so einfach hinein. Am „Visitor’s Desk“ hält ein echter Hamburger namens Michael die Stellung und lässt niemanden passieren, der nicht in Begleitung eines Clubmitglieds ist.

Der Yacht Club will wohl auch weiter eine der Bastionen der gesellschaftlichen Elite im Fürstentum bleiben, so wie der Automobile Club de Monaco, der jedes Jahr das Formel-1-Rennen ausrichtet. Sehr einflussreiche Einheimische erkennt man übrigens daran, dass sie neben ihrem monegassischen Autokennzeichen beide Clubwappen angebracht haben, den goldenen Anker und das goldene Lenkrad. „Sie dürfen aber gern unsere Clubzeitschrift mitnehmen“, sagt Michael zum Abschied versöhnlich.

Als Normalverdiener könnte man sich jetzt ein wenig ausgeschlossen fühlen, Neid und Missgunst entwickeln. Doch viel angenehmer ist es, sich mit den Annehmlichkeiten zu trösten, die diese makellose Welt auch für den unbegüterten Besucher bereithält: das laue Mittelmeerlüftchen, den Duft von Jasminduft, das raschelnde Palmengrün – und die Tatsache, dass kein einziger Hundehaufen den Bummel zu beeinträchtigen droht.

Man spaziert durch aufgetakelte Kulissen, gleitet lautlos auf Rolltreppen dahin und freut sich darüber, dass selbst die dicksten russischen Schlitten freundlich vor jedem Zebrastreifen abbremsen. Es ist eine Welt, in der es zwar ein Rotes Kreuz gibt, das für Flüchtlinge sammelt, aber für die drüben in Italien; im Fürstentum selbst scheint es keine Gestrandeten zu geben, die Hilfe benötigen.

Monaco ist ein goldenes Disneyland. Dazu passt, dass selbst das Mittelmeer seine Dünung rücksichtsvoll und beinahe lautlos gegen die Kaimauer des Stadtviertels Fontvieille prallen lässt.

Luxusspeisen im Doggy Bag

Über dem Meer knattern die Helikopter, die Monaco mit dem Flughafen von Nizza verbinden. Die Landeplattform des Heliports schwebt halb über dem Wasser; unter rotierenden Hubschrauberflügeln läuft ein mittelaltes, fülliges Paar geduckt auf den Terminal zu. Er trägt graue Freizeithosen, sie tizianrote Haare. In einem Fernbus würden sie nicht auffallen.

Abends wird man die beiden im „Blue Bay“ wiedersehen, dem weißen Sterne-Restaurant des großartigen karibischen Küchenchefs Marcel Ravin, wo das bei 61 Grad gegarte Bio-Ei mit schwarzem Trüffel und Maracuja 45 Euro kostet. Sie haben sich umgezogen und sehen glücklich aus.

Die Reste ihrer Mahlzeit tragen sie in einem fröhlich bedruckten Doggy Bag aus dem Restaurant. Die Pappkartons sind eine neue, nicht ganz unumstrittene Initiative von Monacos Regierung, die sich gegen die Verschwendung von Nahrungsmitteln richtet.

Glamour kam früher nicht im Karton. Aber auch Monaco geht mit der Zeit. Wenn Kim Kardashian und Heidi Klum Weltstars werden können, dann dürfen auch im Fürstentum die Standards bröckeln. Dann dürfen junge Araber in Joël Robuchons Japan-Restaurant Jeans und Turnschuhe tragen und zwischen Austern und Sushi-Gang Candy Crush auf ihrem Handy spielen. Reich und schön ist immer auch eine Frage der Perspektive.

Wenig Glamour im Kasino

Und im Kasino, wo einst Winston Churchill Unsummen verspielte? Dort sind unter den Kristalllüstern heute nur zwei Roulette- und zwei Black-Jack-Tische in Betrieb. Drumherum ein überraschend kümmerliches Publikum. Zwei aufgeregt kichernde Freundinnen um die 40, eingenäht in bodenlange, bonbonfarbene Satinkleider, auf viel zu hohen Absätzen und noch ohne männliche Begleitung.

Blutjunge Flitterwöchner, gelangweilt wirkende Männer in billigen Sakkos. Keine Spur von all den schicken Luxuskarossenfahrern, die entweder durch den Hintereingang gleich wieder hinausspaziert sind oder ihr Geld in den „salons privés“ setzen, deren Besuch extra Eintritt kostet.

Wenigstens die Jungs aus Newcastle in ihren Anzügen sind noch da. Wenn auch nicht mehr lange. „Ich habe jetzt genau 40 Pfund verloren. Das war’s“, sagt einer und trinkt seinen Weißwein aus. „Man muss wissen, wann Schluss ist.“

Tipps und Informationen

Anreise: Zum Beispiel fliegen Lufthansa von Frankfurt und Easyjet von Berlin aus nach Nizza. Von dort gibt es eine Hubschrauberverbindung mit Héli Air Monaco. Der siebenminütige Flug kostet ab 220 Euro pro Person hin und zurück. Der Airport-Express-Bus „Rapides Côte d’Azur“ braucht 45 Minuten für die Fahrt nach Monaco und kostet 33 Euro hin und zurück.

Unterkunft: Das „Hotel Métropole“ liegt direkt beim Kasino, es bietet Fünf-Sterne-Chic und Pool-Garten, DZ ab 430 Euro, metropole.com. Für das „Fairmont Monte Carlo“ spricht der lässige Lifestyle, DZ ab 270 Euro, fairmont.com. Das „Columbus Hotel“ liegt zwar etwas abgelegen im Stadtteil Fontvieille, hat aber mit dem Rennfahrer David Coulthard einen berühmten Chef, DZ ab 170 Euro, columbushotels.com.

Auskunft: visitmonaco.com/de

Link zur Homepage:

www.welt.de/reise/article155759135/Als-Zaungast-im-Reservat-der-Reichen.html

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Festnahmen am Flughafen: Neuseeland jagt Studiengebühren-Schuldner

Ngatokotoru Puna fährt im Januar zum Auckland Airport. Er hat an einer Weiterbildung in Australien teilgenommen und will nun zurück auf die Cookinseln fliegen, wo er als Mathelehrer arbeitet. Doch am Flughafen nehmen Polizisten den 40-Jährigen fest.

Puna denkt zunächst, das sei ein Missverständnis: Er hat sich doch nichts vorzuwerfen. Oder doch? Der Neuseeländer ist einer von Zehntausenden Uni-Absolventen, die ihre Studiengebühren noch nicht oder nicht vollständig zurückgezahlt haben. Punas Schulden sollen durch die Zinsen inzwischen auf 130.000 Dollar angewachsen sein, berichtet die neuseeländische Webseite „Stuff“.

An dem Mathelehrer will die neuseeländische Regierung ein Exempel statuieren: Er ist der erste Uni-Absolvent, der wegen ausstehender Studiengebühren festgenommen wird. Seine Festnahme soll andere abschrecken und dazu bewegen, endlich ihre Schulden zu begleichen. Puna darf erst auf die Cookinseln zurückkehren, als er 5000 Dollar zahlt und verspricht, den Rest seiner Schulden zu begleichen.

Am vergangenen Dienstag wurde eine zweite Frau am Auckland Airport festgenommen, als sie nach Australien fliegen wollte. Auch sie muss noch Studiengebühren zurückzahlen.

Rund 112.000 neuseeländische Studienkredit-Schuldner leben inzwischen im Ausland, 70 Prozent von ihnen sind mit der Begleichung ihrer Kredite in Verzug, wie verschiedene neuseeländische Medien berichten, etwa der Radiosender Radio NZ. „Rund 20 Personen stehen unter besonderer Beobachtung des Finanzamts. Sie können festgenommen werden, wenn sie nach Neuseeland zurückkehren“, sagte Bildungs- und Entwicklungsminister Steven Joyce dem Sender.

Ein Sprecher des Finanzministeriums sagte dem „New Zealand Herald“: „Die Festnahmen sind absolut unser letztes Mittel. Vorher versuchen wir, die Schuldner auf allen möglichen Wegen zu erreichen, um mit ihnen zu klären, wie sie ihre Schulden zurückzahlen können.“ Das Finanzamt hat sogar eine eigene Webseite eingerichtet, auf der erklärt wird, wie man seine Schulden am besten begleichen kann.

Weil viele Schuldner in Australien leben, verhandelt Neuseeland mit dem Nachbarland über eine neue Vereinbarung, um leichter an die Adressen der betreffenden Personen heranzukommen und ihnen Mahnungen schicken zu können.

Studentenverbindungen kritisieren die harten Methoden der Regierung: Sie würden die Schuldner zu Studienkredit-Flüchtlingen machen, die aus Angst, festgenommen zu werden, sich nicht mehr zu Hochzeiten oder Beerdigungen in der Heimat trauten.

Auch die Grünen-Politikerin Julie Anne Genter sagte, solche Methoden seien zu hart. „Warum bemühen wir uns so sehr darum, Studenten zu jagen, nur weil sie sich hier haben ausbilden lassen? Warum verfolgen wir nicht lieber multinationale Unternehmen, die im Land keine Steuern zahlen?“

Doch offenbar zeigt das Vorgehen der Regierung Wirkung: Nach Ngatokotoru Punas Verhaftung sind die Rückzahlungen von Studienkrediten um rund 30 Prozent angestiegen, sieben Millionen Dollar wurden so mehr als im Vorjahreszeitraum zurückgezahlt.

 

Zuerst veröffentlicht auf:

www.spiegel.de

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Zehn Jahre nach dem Rütli-Schul-Aufruf: Radikal reformiert

Zehn Jahre nach dem Rütli-Schul-Aufruf

Der Brief der Neuköllner Rütli-Schule machte Geschichte. Heute ist die ehemalige Hauptschule ein Vorzeigeprojekt. Doch wie sieht es an anderen Schulen aus?

Der Brief der Neuköllner Rütli-Schule machte Geschichte. Setzte er doch einen Prozess in Bewegung, an dessen Ende die Hauptschule als Verliererschule faktisch abgeschafft wurde. Heute besucht nur noch jeder zehnte Schüler eine Hauptschule.

Ziemlich exakt zehn Jahre ist es her, als ein von LehrerInnen einer Neuköllner Hauptschule verfasster Brief an die Öffentlichkeit gelangte. Darin beklagten sie die Zustände im Klassenraum: „Lehrkräfte werden gar nicht wahrgenommen, Gegenstände fliegen zielgerichtet gegen Lehrkräfte durch die Klassen, Anweisungen werden ignoriert.“ Sie stellten das gegliederte Schulsystem infrage: „Welchen Sinn macht es, dass in einer Schule alle Schüler/innen gesammelt werden, die weder von den Eltern noch von der Wirtschaft Perspektiven aufgezeigt bekommen, um ihr Leben sinnvoll gestalten zu können.“

Doch Schulen wie die Rütli-Schule damals gibt es immer noch. Nur heißen sie jetzt anders. Eine solche Schule ist die Berliner Integrierte Sekundarschule Hector Peterson. Die Schule versucht aus eigener Kraft, den Ruf der Verliererschule abzulegen und reformiert sich dafür radikal. Wie ihr das gelingt und warum die Schulleiterin derzeit nur ein gemischtes Fazit ziehen kann, lesen Sie in der taz.am wochenende.

Bildung ist ein Chancenbeschleuniger. Je höher der Abschluss, desto leichter der Eintritt in den Arbeitsmarkt und desto höher das Einkommen. Das zeigt der in dieser Woche veröffentlichte Sozialbericht des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung.

Noch keine Chancengleichheit

Die Integration der Hauptschulen in andere Schulformen hat jedoch nicht dazu geführt, dass heute Chancengleichheit herrscht. Das zeigen etwa Zahlen der Berliner Senatsbehörde für Bildung, die der taz vorliegen. In Berlin gibt es zwei Oberschulformen, die auf dem Papier gleichwertig sind: Gymnasien und Integrierte Sekundarschulen. Doch nur jede dritte Sekundarschule besitzt eine eigene Abituroberstufe. Das wirkt sich auf die Schülerschaft aus. An drei von vier Sekundarschulen ohne Abiturstufe sind mindestens 40 Prozent Schüler, beziehungsweise deren Familien, auf staatliche Unterstützung angewiesen oder sind zugewandert. Nicht einmal jedes dritte Berliner Gymnasium erreicht diese Werte.

Bundesweit das gleiche Bild. In Hamburg, beispielsweise, wo die Schulstruktur ähnlich ist, ist fast jeder dritte Schüler einer Stadtteilschule sehr niedriger oder niedriger sozialer Herkunft, ein doppelt so hoher Anteil wie an den Gymnasien.

Warum das so ist? Weil mit der Stärkung der Institution Gymnasium, das Klassensystem Schule insgesamt erhalten blieb. So die These der Geschichte in der taz.am wochenende.

 

Website:

http://www.taz.de/Zehn-Jahre-nach-dem-Ruetli-Schul-Aufruf/!5302125/

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Deutsch-Lehrbücher für Flüchtlinge: Sprache wie Mathematik

Deutsch-Lehrbücher für Flüchtlinge

Hunderttausende Geflüchtete lernen Deutsch. Doch Alltagssprache üben sie nur selten. Zu Gast in einem Sprachkurs.

Faouzi El-Jassem kommt gut mit im Unterricht. Im Test erzielt er 28 von 30 Punkten. „Deutsch ist für mich nicht schwer. Ich kann es mit Spanisch vergleichen.“ Über seine Fehler ärgert sich der Schüler dennoch: „Ich kann die Regeln“, sagt er und zeigt auf einen Fehler im Lückentext. „Ich habe die Präposition ‚mit‘ nicht gesehen“. Faouzi El-Jassem ist gelernter Laborant. Damit er auch in Deutschland einen Job bekommt, muss er die Sprachprüfung bestehen. Seit fünf Monaten paukt der 48-jährige Libanese täglich für den bevorstehenden „Deutschtest für Zuwanderer“. Für das geforderte Niveau B1 brauchen El-Jassem und die anderen 16 KursteilnehmerInnen vor allem Grammatiktraining. Es geht um sämtliche Regeln und Ausnahmen der deutschen Grammatik: Konjunktiv, Passiv, lokale Präpositionen. Wer die Prüfung besteht, hat erfolgreich am Integrationskurs teilgenommen. Und das heißt: unbefristete Aufenthaltsgenehmigung, Zugang zum Arbeitsmarkt.

„70 Prozent der Prüfung besteht aus Grammatikaufgaben“, sagt Gülcan Eren. Die Deutschlehrerin nimmt an diesem Tag Adjektivdeklinationen mit dem bestimmten Artikel durch. An die Tafel hat Eren farbige Beispielsätze gemalt. Sie lässt wiederholen: „Beim Akkusativ heißen die Artikel den, die, das. Das müsst ihr lernen.“ In Erens Integrationskurs sitzen die, die es fast geschafft haben, die motiviert sind.

Doch nicht jeder im Kurs bringt Fremdsprachenkenntnisse mit wie Laborant El-Jassem. In manchen Kursen seien die Unterschiede zwischen den KursteilnehmerInnen so gravierend, dass sie mehrere Kleingruppen bilden müsse. Dann könne sie die Lernziele aus dem Buch kaum erreichen. „Die Anwendung kommt viel zu kurz“, sagt Eren.

 

Bil|dungs|stan|dard, der

 

Die Berliner dtz-bildung & qualifizierung GmbH, die den Integrationskurs anbietet, arbeitet mit dem Buch „Schritte Plus“ vom Hueber-Verlag. Das Lehrwerk ist für „Deutsch als Fremdsprache“ (DaF) konzipiert. Es richtet sich nicht an Flüchtlinge mit heterogenem Bildungsstandard, die in Deutschland sind, sondern an die rund 16 Millionen Deutschlernenden mit hohem Bildungsniveau im Ausland. Bei dieser Zielgruppe steht nicht die schnelle Sprechfähigkeit im Vordergrund, sondern der systematische Erwerb der deutschen Sprache. Ein Konzept, das Deutschlerner Faouzi El-Jassem nicht versteht: „Sprache lernt man mit Gefühl, im Kontakt mit Deutschen. In unserem Buch ist Sprache wie Mathematik.“

Für die Hunderttausenden Flüchtlinge, die derzeit in Deutschland sind, wäre ein anderes Konzept geeigneter: „Deutsch als Zweitsprache“ (DaZ). Es zielt darauf ab, dass sich Lernende in einem deutschsprachigen Land zurechtfinden müssen. Umgangssprache und Alltagswortschatz sind für sie dringender als die Ausnahmen bei der Konjunktivbildung. Doch die meisten Flüchtlinge in Deutschland arbeiten mit Deutschbüchern für Fremdsprachenlernende. Also mit Büchern, die voll mit Grammatik und alltagsfremden Beispielen sind.

Ausgebildete Lehrkräfte mögen darauf vorbereitet sein, bei heterogenen Lerngruppen „binnendifferenziert“ zu unterrichten. Doch wie gut kommen die Laien in den vielen ehrenamtlichen Sprachkursen mit Büchern zurecht, die ausschließlich für Lerner mit hohem Bildungsniveau konzipiert wurden? Mit SchülerInnen, die zum Teil gar nicht, zum Teil nur arabisch alphabetisiert sind?

„Viele Deutschbücher sind zu komplex“, sagt Moses Fendel. „Sie setzen voraus, dass die Schüler wissen, wie Fremdsprachenlernen funktioniert.“ Der 28-Jährige ist einer von den Tausenden ehrenamtlichen Deutschlehrern im Land, die derzeit bei der Integration der Asylsuchenden mithelfen. Didaktische Vorkenntnisse bringt der Geschichtsstudent zwar nicht mit, aber Sprachtalent. Fendel spricht Russisch und Spanisch.

Seit einem Jahr geben Fendel und andere Ehrenamtliche jungen afrikanischen Männern, die in Berlin Kirchenasyl genießen, Deutschunterricht. Dass der Kurs kostenlos ist und auch Personen ohne Papiere offensteht, hat sich herumgesprochen. Zwischen 10 und 15 Kursteilnehmer aus ganz Berlin kommen viermal die Woche zum Unterricht in die Gemeinde der Kreuzberger Passionskirche. Wer regelmäßig kommt, muss auch keine Deutschbücher bezahlen. Gemeindemitglieder haben das Geld für die Bücher gespendet.

Fendel erinnert sich, dass ihnen jemand das Buch „Berliner Platz neu“ vom Klett-Verlag empfohlen hatte. Der Einstiegskurs „A0“ sei geeignet, Lernenden ohne Vorkenntnisse Alltagssprache beizubringen. „Ein guter Start – für Flüchtlinge und Asylbewerber“, wirbt der Verlag auf seiner Website. Dem kann sich Fendel nicht vollends anschließen: „Die Komplexität ist stark reduziert, das schon.“ So würden etwa Possessivpronomen nur in der ersten und zweiten Deklination – mein, dein – gebraucht.

Die Aufgabenstellungen würden die Schüler jedoch überfordern. Wenn es heißt: Ergänzen Sie, ordnen Sie zu, kreuzen Sie an, sei das vielen zu abstrakt. „Menschen, die in Deutschland aufgewachsen sind, wissen, wie Lernen funktioniert“, sagt Fendel. Dass das nicht überall so ist, müsse man sich bewusst machen.

 

Le|bens|wirk|lich|keit, die

 

Ehrenamtliche Sprachlehrer wie Moses Fendel haben es schwer, das komplette Angebot an DaF- und DaZ-Büchern zu überblicken. Auf der Bildungsmesse Didacta, die vor zwei Wochen in Köln zu Ende ging, präsentierten die Verlage ihre Angebote, die speziell auf Flüchtlinge zugeschnitten sein sollen. Für die Branche ist das ein riesiger Absatzmarkt. Allein für die schulische Sprachförderung in den sogenannten Willkommens- und Übergangsklassen bieten die Verlage nach eigenen Angaben weit mehr als 1.000 verschiedene Bücher an. Und mittlerweile sogar eine Vielzahl kostenloser Materialien zu einzelnen Unterrichtsstunden.

Aber es gibt auch Alternativen zu den Verlagsangeboten. Sehr beliebt ist das „Thannhauser Modell“, benannt nach der schwäbischen Kleinstadt Thannhausen, in der das Buch entwickelt wurde. Als sich im vergangenen Jahr herumsprach, dass zwei pensionierte Schulleiter die selbst erstellten Unterrichtsblätter zum Selbstkostenpreis verschickten, waren die ersten tausend Exemplare schnell vergriffen. Mittlerweile gibt es das Büchlein schon in der 9. Auflage. Denn es ist günstig. Mit 6,50 Euro kostet ein Buch nur halb so viel wie viele Standardwerke.

Einer der beiden Autoren, Karl Landherr, erklärt sich die Beliebtheit nicht allein mit dem Preis. Das dünne Büchlein verzichte fast gänzlich auf Grammatik: „In unserem Buch müssen die Schüler nicht deklinieren und nicht konjugieren“, sagt Landherr. „Die Neuankömmlinge sollen einfache mündliche Sprachkenntnisse erwerben“. Und zwar in den Bereichen, wo sie sie wirklich brauchen. Smartphones als lebenswichtige Brücke zu ihren Familien kommen in den Kapiteln genauso vor wie Sparangebote der Deutschen Bahn oder ein Schema zum Asylverfahren. „In anderen Büchern heißen Kapitel ‚Meine Wohnung‘ oder ‚Im Urlaub‘“, sagt Landherr. „Aber welcher Asylbewerber hat schon eine eigene Wohnung oder fährt in den Urlaub?“

Der Hauptunterschied zu anderen Werken ist aber, dass das Thannhauser Modell deutsche Wörter im Buch übersetzt. Neben Englisch und Französisch gibt es die Bücher seit Kurzem auch in arabischer, persischer oder tigrinischer Übersetzung. Damit kämen die Flüchtlinge viel schneller mit, behauptet Landherr.

 
Sprach|di|dak|tik, die

 

Das Büchlein solle aber die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zugelassenen Bücher nicht ersetzen, sondern ergänzen. Manche Anbieter von Integrationskursen wie das Begegnungs- und Fortbildungszentrum muslimischer Frauen in Köln oder die Deutsche Angestellten-Akademie (DAA) setzen das Thannhauser Modell bereits für Vorkurse ein. Die DAA hat nach eigenen Schätzungen bundesweit mehrere tausend Bücher bestellt. Das Buch hat jedoch auch Kritiker.

Einer von ihnen ist Hermann Funk, Professor für Didaktik Deutsch als Fremd- und Zweitsprache an der Universität Jena. „Ich schätze das ehrenamtliche Engagement“, sagt er. „Aber niemand sollte so auftreten, als hätte er ein passgenaues Schulbuch für Flüchtlinge.“ Das sei unseriös. Sprachdidaktisch sei das Thannhauser Buch nicht gerade auf dem neuesten Stand. Die Übungen würden nicht aufeinander aufbauen, und nicht alle Alltagsgespräche im Buch seien wirklich praxisnah: „Wer sagt denn ‚Ich kaufe Tomaten‘ oder ‚Das Nashorn ist am größten‘?“

An der Arbeitsstelle für Lehrwerkforschung und Materialentwicklung untersucht Funk Daz- und Daf-Bücher. Welches Lehrbuch er empfehlen könne? Ehrenamtlichen Sprachlehrern rät er, wenn überhaupt, auf vom Bundesamt für Migration zugelassene Lehrwerke zurückzugreifen. „Versuchen Sie, kein neues Lehrbuch zu schreiben, es wird nicht besser“, warnt Funk. Doch genau genommen sollten in heterogenen Klassen ausschließlich ausgebildete Lehrkräfte unterrichten. Ehrenamtliche sollten sich lieber als „Sprachhelfer“ verstehen. Sie könnten beispielsweise beim Vokabeltraining helfen.

Die hätte zumindest Faouzi El-Jassem aus dem Integrationskurs nicht nötig. Neben der Grammatik paukt er zu Hause auch den Wortschatz aus den Kapiteln. Als einer von wenigen hat El-Jessem im Unterricht erklären können, was „Beratungspflicht“ heißt. El-Jessem lernt aber nicht nur, um die alles entscheidende Grammatikprüfung zu bestehen: „Viele Ausländer haben in Deutschland ein Problem“, sagt er: „Sie verstehen nicht, dass Lernen hier ein Teil der Mentalität ist.“

 

 

Siehe hier:

www.taz.de/

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