Gemeinsamer Unterricht mit Förderschülern: Sonderschule ade

Bald sollen in Deutschland behinderte Kinder keinen getrennten Unterricht mehr besuchen. Doch kann das funktionieren? Können leistungsstarke Schüler und solche mit Handicap zusammen lernen? Besuch an einer Modellschule in Bremerhaven.

Kinder können gnadenlos ehrlich sein. Mirelle findet es „scheiße“, dass Förderkinder in ihrer „normalen Klasse“ sind. „Das sagen die Eltern, aber das finde ich auch so.“ In Förderschulen könnten Kinder mit den gleichen Problemen zusammen unterrichtet werden. „Die verstehen Mathe nicht“, sagt Mirelle. Ihr Klassenkamerad Nilo meint: Die Kinder sollten erst mal auf der Förderschule besser werden „und dann zu uns kommen“. Der Unterricht sei wegen der Förderkinder aber besser, wirft Frederik ein. Auf seiner alten Schule habe der Lehrer einfach Aufgaben an die Tafel geschrieben und sie lösen lassen. „Jetzt wird es erklärt“, sagt Frederik, der in Wirklichkeit anders heißt, so wie alle Kinder in dieser Geschichte.

Es sind die Stimmen von Kindern, aber um deren Zukunft geht es ja, auch an diesem Mittwochmorgen in der 5a der Carl-von-Ossietzky-Oberschule in Bremerhaven. Wer sich unter den Lehrern der Schule umhört, erhält ein ähnlich breites Spektrum, wenn auch mit gewählteren Worten. Inklusion heißt das Reizwort. Es weckt Begeisterung und Abscheu, Aufbruchstimmung und ein Ächzen darüber, was einem die Politiker da wieder eingebrockt haben. Aber dazu später.

Die Carl-von-Ossietzky-Oberschule ist ein Betonkomplex, ein paar grün-blaue Wände lockern das drückende Grau auf. Innen aber wird es bunt und das nicht nur optisch. Dies ist eine Vorreiter-Schule in einem Vorreiter-Bundesland. Bremen treibt die Inklusion rasch voran, hier geht gut die Hälfte aller Kinder mit geistigen oder körperlichen Behinderungen, Lernschwäche, auffälligem Verhalten oder anderen Einschränkungen in Klassen mit regulären Schülern, mehr als irgendwo sonst in der Republik.

Stille Revolution

Damit ist der Stadtstaat, der sonst gerne auf den letzten Plätzen der Schultests dahindümpelt, spitze: Denn die Inklusion ist ein erklärtes Ziel aller Kultusminister. Was in Bremen passiert, könnte bald bundesweit Praxis werden. Es geht um fast 490.000 Kinder mit Förderbedarf.

Die stille Revolution begann 2009. Da trat in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft, die Menschen mit Handicap ein Leben ohne bürokratische Schranken ermöglichen soll, mitten in der Gesellschaft. Die Staaten müssen nun garantieren, dass Menschen mit Behinderungen nicht „vom allgemeinen Bildungssystem“ und auch nicht vom „Grundschulunterricht oder vom Besuch weiterführender Schulen ausgeschlossen werden“. Also werden die Förderschulen, die früher Sonderschulen hießen, aufgelöst, ihre Schüler und Lehrer in die regulären Klassen versetzt.

Kann das funktionieren? Können leistungsstarke Schüler, die das Zeug fürs Abitur haben, Förderschüler mitziehen? Oder ziehen die Förderschüler den ganzen Unterricht nach unten?

Wer die Leitung der Carl-von-Ossietzky-Schule danach fragt, bekommt erstaunliche Antworten. Vier Pädagogen haben sich an diesem winterlichen Vormittag versammelt, um ihren Weg zur Inklusion zu beleuchten. Seit drei Jahren setzt man hier auf gemeinsamen Unterricht, als erste Schule in Bremerhaven. Die Klassen 5 bis 7 haben die Förderkinder schon aufgenommen. Nebenan ist noch die alte Förderschule, der aber nun die Schüler ausgehen. 2016 soll sie ganz in der Oberschule aufgehen.

Wiederholen und Förderschule sind abgeschafft

Die Eltern und die Schüler „sind viel zufriedener“, sagt der Rektor, Rainer Steinfeldt. Auf die Fähigkeiten der einzelnen Schüler werde mehr eingegangen. Wo die Lehrer früher aussiebten, Schüler auf die Förderschule schickten oder die Klasse wiederholen ließen, da muss der Pädagoge heute fördern. Er wird sie nicht mehr los. Wiederholen und Förderschule sind abgeschafft.

Steinfeldt registriert weniger Prügeleien, obwohl verhaltensauffällige Kinder unter den Förderschülern sind. „Die Schüler sind so integriert, dass sie mitgezogen werden“, sagt der Deutschlehrer Heiko Frerichs, Mitglied der Schulleitung. Die Inklusionsschüler, wie die Kinder mit Behinderung oder Lernschwächen im Beamtendeutsch heißen, profitieren.

Doch Bremen zeigt auch, dass es um viel mehr geht als um eine Fusion der Schularten. Leistungen werden ganz anders bewertet, die herkömmliche Klassenarbeit stirbt aus. Die bekannten Noten gibt es nicht mehr – wie auch, wenn gymnasialreife Kinder mit lernschwachen an einer Prüfung sitzen, Kinder, die in der fünften Klasse einfache Texte noch nicht verstehen, mit solchen, die schon spannende Aufsätze zu Papier bringen.

An der Oberschule gibt es nun drei „Anforderungsprofile“, in denen die Schüler ein bis vier Kreuzchen erzielen können. Es zählt, wie gut das Kind innerhalb seines Profils vorwärtskommt. Ein klassenweiter Vergleich der Leistung ist kaum mehr möglich. Mathias Brodkorb, SPD-Bildungsminister von Mecklenburg-Vorpommern, nennt Inklusion denn auch „Kommunismus für die Schule“.

Auch der alte Frontalunterricht, in dem der Lehrer vorne steht und in die Runde fragt, hat weitgehend ausgedient. Jan Wesseling unterrichtet die 5c in Deutsch, es geht um Familienfeste. Zwei seiner 17 Schüler sind Förderkinder – und Claudia Meier, die zweite Lehrerin in dieser Stunde, ist Sonderpädagogin. Sie teilen zwei Blätter aus, eines mit dem Text, eines mit den Fragen.

Diana, ein Mädchen aus einer Zuwanderer-Familie, liest vor, sie stolpert sich durch die Sätze, liest „doppelt“ statt „poltert“, aber sie gibt nicht auf. Wesseling erklärt die Fragen. „Dann haben wir noch die Sternchen-Aufgabe“, sagt er. „Wer schnell ist, kann die auch noch beantworten.“ Es ist die Herausforderung für die Leistungsstarken, die schwierigste Aufgabe: Sie sollen den Text in eigenen Sätzen zusammenfassen.

Die Kinder sitzen in Vierer- und Sechsergruppen zusammen, Wesseling geht von Tisch zu Tisch, seine Kollegin kniet bei Malek, einem Förderkind. „Lies mal richtig, mit Silben, du kannst das doch!“, sagt Meier. Der Junge versteht erst mit ihrer Hilfe, dass es in dem Text um einen Hund geht. „Was ist das für ein Buchstabe? Kennst du das Wort?“ Einzeltraining im Klassenzimmer. Was seine Mitschüler über Malek denken, ist unterschiedlich.

Die leistungsschwachen Kinder profitieren

Er habe auch mal Förderunterricht gehabt, sagt Lenni. An bestimmten Tagen hätten die Förderkinder eben Nachhilfe, Malek falle nicht auf. „Hier ist das eigentlich ganz normal.“ Zwei Mädchen sagen dagegen, dass Malek „laut und frech“ sei. „Der stört ganz oft den Unterricht.“ Malek selbst findet es gut, in der Klasse zu sein. „Ich sehe so meine Freunde aus der Grundschule wieder.“

Das ist die positive Seite. Anhänger und Kritiker der Inklusion in der Oberschule sind sich da einig: Die leistungsschwachen Kinder profitieren. Die negative Seite hört man von anderen Kollegen, Werner Geschonke zum Beispiel. Er unterrichtet in der 5b Mathematik – und zwar meistens alleine. Denn die Sonderpädagogen stehen den regulären Lehrern nur in zwei der fünf Wochenstunden zur Seite. Seit er auch Förderkinder unterrichtet, wird er nachts wach und fragt sich, ob er die richtigen Arbeitsblätter hat; er kann ja nicht mehr allen die gleichen Aufgaben stellen. „Ich fühle mich überfordert“, sagt der 61-Jährige.

Geschonke und seine Kollegen wurden auf die Herausforderung vorbereitet, es gab eine Fortbildung, fünf Tage lang. Die Lehrer entwarfen vor allem neues Material, sagt Geschonke, Arbeitsblätter und so was. Damit jeder Schüler passgenau gefordert ist. Doch das Material reiche nicht, die Verlage würden jetzt erst die passenden Bücher liefern. Wenn Geschonke das Material vergisst, rufen die Förderkinder: Ich kann es nicht, was soll ich jetzt machen? „Wir sind nicht richtig vorbereitet – die Inklusion nimmt mir die Zeit, mich intensiv mit den Schülern zu beschäftigen.“

In der Praxis fehle oft der zweite Lehrer, sagt sein Kollege Heiko Frerichs, der zugleich Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) in Bremen ist. „Man ist in diese Reform eingestiegen und hat viele Voraussetzungen nicht bedacht.“ Es reiche nicht, die Lehrer von den Fördereinrichtungen an reguläre Schulen zu versetzen und darauf zu vertrauen, dass die Schülerzahlen sinken – und damit mehr Lehrer frei werden für die Aufgabe. In Nebenfächern wie Politik oder Kunst ist gar kein zweiter Lehrer vorgesehen.

Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) hat nach Protesten von Lehren und Eltern zugesagt, dass es zusätzliches Geld für Bildung geben soll. Es könnte also mehr Lehrer geben, sicher ist das nicht. Die Inklusion dürfte teurer werden als gedacht. Deutlich mehr Stellen werden im klammen Bremen auf absehbare Zeit aber wohl nicht drin sein. Teamarbeit soll den Lehrern stattdessen die Arbeit erleichtern, abends sitzen die Kollegen der Oberschule nun oft zusammen und bereiten den Unterricht vor. „Aber nicht alle Lehrer wollten sich umstellen und nicht alle sind Teamarbeiter“, sagt Vera Mangels, die in der Schulleitung für Förderpädagogik zuständig ist.

Jede Revolutionhat ihre Verlierer. Bei dieser sind es die Lehrer, die nun die Inklusion alleine stemmen sollen, einen völlig neuen Unterricht entwickeln. Ist das realistisch, neben dem laufenden Unterricht? Nach fünf Tagen Fortbildung? Es ist vor allem sehr viel mehr Arbeit. So sehen das Geschonke und Frerichs.

Kinder sind gnadenlos ehrlich, manchmal auch brutal

Die zweiten Verlierer sind leistungsstarke Schüler. „Ich kann die Begabten nicht mehr so fördern wie früher. Der Fokus liegt auf den Schwachen“, sagt Frerichs. „Ich will doch auch möglichen Real- und Gymnasialschülern gerecht werden“, sagt Geschonke. Das theoretische Ziel, jedem Schüler gerecht zu werden, egal ob er zurückliegt oder begabt ist, wird in der Praxis oft nicht erreicht.

Und dann ist da noch ein Punkt. Denn Kinder sind nicht nur gnadenlos ehrlich, sondern manchmal auch gnadenlos brutal. Manche mobben die Förderschüler. „Die sind frech, die riechen vielleicht komisch und werden dann auch nicht nach Hause eingeladen“, sagt die Deutschlehrerin Vera Mangels.

Vielleicht muss sich das erst einspielen, müssen sich auch die Kinder daran gewöhnen, dass es da Schüler gibt, die anders sind, langsamer, behindert, aggressiv. In der 5c jedenfalls lässt sich schon ein Fortschritt vermelden, da, wo sich Vanessa und Leonie über den frechen Malek beschwert haben. Mit Amanda seien sie befreundet, obwohl sie ein Förderkind sei, erzählen die Mädchen. „Macht ja nichts, die sind ja trotzdem nett.“

 

Adresse der Quelle:

www.sueddeutsche.de/

Tags: ,
Add a Comment Trackback