Wussten Sie, dass…: Wandern durch die Geschichte des italienischen Papiers

Seit dem Mittelalter wird am Gardasee Papier produziert, auch für den türkischen Sultan. Heute führt ein Wanderweg durchs Tal, vorbei an neuen Fabriken und alten Ruinen.

Im Tal der Papiermühlen bei Toscolano-Maderno am Gardasee

Das Valle delle Cartiere, das „Tal der Papierfabriken“, liegt bei Toscolano-Maderno am südwestlichen Ende des Gardasees. Es lässt sich in einer genussvollen Wanderung entdecken, die durch üppige Vegetation vorbei an den steinernen Ruinen alter Dörfer und Fabrikgebäude entlang des Flusses Toscolano führt.

Die Anfänge der Papierherstellung liegen in China. Im 8. Jahrhundert verbreitete sich die Technik über Persien und Ägypten nach Spanien und bis zum 13. Jahrhundert über ganz Europa. Die Anfänge der Produktion am Gardasee gehen ins 14. Jahrhundert zurück. Damals etablierte sich das Tal zum Zentrum der Papierherstellung der venezianischen Republik mit Handelsbeziehungen, die bis zu den Märkten der Levante, südöstlich von Genua, reichten.

 

Florian Fritz, geboren 1967, ist gelernter Sozialpädagoge. In den neunziger Jahren arbeitete er im Kosovo und in Bosnien mit Flüchtlingen. Seit 1994 ist Fritz als freiberuflicher Fotograf und Journalist tätig. Nach einigen Fotoausstellungen und einem Kalenderprojekt arbeitet er seit 2009 unter anderem als Autor für den Michael Müller Verlag.

Grundstoff für die Herstellung waren Baumwoll-, Leinen- und Hanflumpen. Diese mussten zunächst einem Faulungsprozess unterworfen und zerfasert werden. Dabei wurden die Lumpen in einem Stampfwerk in wassergefüllten Holztrögen von mächtigen Stampfhämmern bearbeitet. Ein Wasserrad und eine Nockenwelle trieben die Mechanik an. Deshalb lagen die Stätten der Papierproduktion stets an Bachläufen – wie auch im Valle delle Cartiere.

Wie Papier im Mittelalter produziert wurde

Nach der Zerfaserung verdünnte man den breiigen Stoff stark mit Wasser und schöpfte daraus die Papierlagen, die Bütten. Wichtig war eine gleichmäßige Schüttelbewegung des Siebes während des Schöpfprozesses. Die Blätter wurden auf dickem Filz abgelegt und lagenweise übereinander geschichtet. Anschließend erfolgte der Pressvorgang in einer hölzernen Spindelpresse. Die immer noch feuchten Blätter hängte man wie auf einer Wäscheleine über Seile aus Rosshaar. Wichtig bei der abschließenden Trocknung war eine gleichmäßige Belüftung. Man erreichte sie durch verstellbare Luken in den Trockenräumen.

Schreibpapier musste mit Tierleim – Gelatine aus Tierknochen – imprägniert werden, sonst hätte es die Tinte wie ein Löschpapier aufgesogen. Zuletzt wurde das noch wellige Papier mit Achatsteinen von Hand geglättet. In einer Papierfabrik entstanden im Mittelalter täglich etwa 3.000 Bögen handgeschöpftes Papier, das sind etwa 40 Kilogramm.

Das Papiermuseum

Das Museo della Carta – das Papiermuseum – ist das ganze Jahr geöffnet: Von Juli bis September von Dienstag bis Donnerstag (10 bis 12 und von 15 bis 18 Uhr), und von März bis Juni Samstag und Sonntag von 10 bis 12 und von 15 bis 17 Uhr. Im Winterhalbjahr ist das Papiermuseum nur samstags und sonntags von 10 bis 12 Uhr geöffnet. Telefon 0039/65-546023

Die Papierproduktion stieg kontinuierlich an. So bauten die Dominikanermönche im 18. Jahrhundert zwei weitere Mühlen: Das Papier aus dem Tal hatte einen exzellenten Ruf und wurde für offizielle Verlautbarungen verschiedener norditalienischer Regierungen ebenso verwendet wie für Dekrete des türkischen Sultans.

Im 19. Jahrhundert setzte sich die industrielle Form der Papierherstellung, unter anderem mit dem Einsatz von Papierwalzen und chemischer Zusätze, in Norditalien durch und führte zu einem Rückgang der Produktion im Valle delle Cartiere. Im Jahre 1905 beschloss die Eröffnung einer neuen, maschinell produzierenden Papierfabrik im Ort Toscolano in der Nähe des Seeufers die Ära der traditionellen Büttenherstellung.

Moderne und Geschichte auf einem Wanderweg

Diese mehrfach umgebaute und erweiterte Fabrik gehört heute zu den größten in Südeuropa. Sie beschäftigt 320 Personen und produziert jährlich 15.000 Tonnen Papiermasse und 200.000 Tonnen Papier. Die Arbeitsabläufe sind großteils automatisch. Statt mühevoll Bögen zu schöpfen, sitzen die Mitarbeiter vor großen Monitoren und überwachen die Funktionalität der Maschinen.

Wie die Arbeit früher aussah, zeigt das Museo della Carta – das Papiermuseum. Es befindet sich gleich zu Beginn des Tals und wurde vor einigen Jahren liebevoll restauriert und eingerichtet. Hier kann man nicht nur Gerätschaften wie etwa ein Stampfwerk anschauen, sondern auch selbst im Rahmen einer Führung einen Bogen Papier schöpfen und pressen.

Ruinen alter Papierfabriken

Ganz verschwunden sind die früheren Produktionsstätten jedoch nicht: Archäologische Forschungen wie in den Jahren 2002 bis 2006 fördern immer wieder Relikte der blühenden Vergangenheit zutage. Damals grub man die Überreste dreier alter Fabriken in Gatto, Maina Superiore und Maina Mezzo aus. Diese kann man auf einer Wanderung durchs „Tal der Papierfabriken“ besichtigen: Die kindergeeignete, leichte Wanderung durch das Valle delle Cartiere beginnt an einem Parkplatz kurz vor dem Papiermuseum. Mehrmals das Flussufer wechselnd, führt ein Weg, der sich vom breiten Fahrweg im Verlauf der Tour zu einem Pfad verengt, durch dichte Vegetation an den verwunschenen Ruinen der zahlreichen alten Produktionsstätten vorbei. Von Bäumen und Büschen überwuchert, passiert man wohlklingende kleine Ortschaften wie Maina Inferiore, Maina Mezzo, Maina Superiore, Vago, Caneto, Gatto, Contrada und Covoli.

Nahezu hinter jeder Wegecke tauchen Mauerreste auf. Zum großen Teil sind die Ruinen von dichtem Gestrüpp überwachsen. Hohle Fenster, schmale Wasserrinnen und halb eingestürzte Brückenpfeiler regen die Fantasie des Wanderers an: Es fällt nicht schwer, sich das Klappern der Mühlräder, das Rauschen des Baches und das regelmäßige Hämmern des Stampfwerks auszumalen, vermischt mit den Rufen und Schreien der zahlreichen Arbeiter. 

Am Ende des Tals durchquert man auf einer Brücke die an dieser Stelle nur etwa zehn Meter breite Klamm von Covoli, unter sich das schäumende Wasser des Flusses Toscolano. In einer Rundwanderung geht es nach einigen Steigungen am oberen östlichen Talrand zum Ausgangspunkt zurück; diese Route nimmt insgesamt etwa zwei Stunden in Anspruch. Alternativ kann man auch an der Klamm umkehren und den Weg durch das Tal zurückgehen – diese eineinhalbstündige Variante empfiehlt sich für kleinere Kinder.

Erschienen im Michael Müller Verlag

 

 

Übernommen aus:

 

http://www.zeit.de/reisen/2012-08/wandern-papier-gardasee

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